Kundmachungen

November anno 2015 - Wolf, der Jenaer Scharfrichter, erzählt:

Rehabilitation des Scharfrichters

Unbestritten ist Martin Luther der große Reformator des 16. Jahrhunderts, der in mancher Weise auch in Jena seine Spuren hinterlassen hat. In der Stadtkirche „St. Michael“ findet man nicht nur seine originale Grabplatte, sondern auch die steinerne Kanzel, von welcher er für die versammelte Gemeinde gepredigt hat. Umstritten sind hingegen seine Äußerungen über den Bauernkrieg und das Judentum. In einer seiner Postillen bemüht er sich jedoch um die Anerkennung des Scharfrichters in der Gesellschaft: „Darum ist der Scharfrichter ein sehr nützlicher und dazu barmherziger Mann, denn er steuert den Schalk, dass er nicht mehr tue, und wehret den andern, das sie es nicht nachtun. Denn für ihn schlägt er den Kopf ab, den andern, hinter ihm, dräuet er, dass sie sich fürchten für dem Schwerdt und Friede halten, das ist eine große Gnade und eitel Barmherzigkeit!“

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Oktober anno 2015 - Aus Käthes Kräuter- und Gewürzkästchen geplaudert……

Der Würzwein

In der kalten Jahreszeit gibt es kaum etwas Angenehmeres zum Aufwärmen als ein Becher heissen Würzwein. Schon im Mittelalter gerne getrunken - wurde dem Getränk neben der Wärme auch heilende Wirkung zugesprochen. Das klassische Rezept ist eine Mixtur aus Sternanis, Kandis, Zitronenscheiben, Nelken und Rotwein.

Einfache Menschen im Mittelalter konnten sich exotische Gewürze, die alle unter dem Begriff "Pfeffer" zusammengefasst wurden, nicht leisten und griffen zum Würzen ihres Weines auf Kräuter aus dem Bauerngarten wie Minze, getrocknete Beeren, Salbei oder Melisse zurück.

Reiche Bürger verwendeten reichlich Gewürze aus fernen Ländern und wer etwas auf sich hielt, übertrieb es dabei auch gerne einmal.

Die Mediziner von Anno dazumal verschrieben den heißen gewürzten Wein als ernst zu nehmende Arznei. Daher empfahlen sie zwei Mal in der Woche einen kräftigen Glühwein-Vollrausch, um die Gesundheit zu erhalten. Die medizinische Wirkung ist nicht von der Hand zu weisen,so wirkt Ingwer verdauungsfördernd und ist gut gegen Blähungen, Nelken sind anregend (altes Aphrodisiakum) und magenstärkend. Zimt schafft wohlriechenden Atem und Kardamom ist anregend und ebenfalls blähungslindernd.
Die Herstellung von Würzwein im Mittelalter war recht aufwändig, hier ein altes Rezept.

Roter Würzwein nach mittelalterlichem Rezept:
3 Liter einfacher Rotwein
300g brauner Zucker, auch etwas weniger möglich, insbesondere bei lieblichem Wein
3 TL Ingwerpulver
2 TL Galgantpulver
2 TL Zimtpulver
1 TL Nelkenpulver
1 Prise schwarzer Pfeffer
1 kräftige Prise Muskat
1/2 TL zerstoßener Weihrauch (Olibanum)

Den Rotwein in einen großen Topf gießen, den Zucker gut unterrühren. Alle Gewürze vermischen und in den Wein geben. Ca. 2 Stunden ziehen lassen, dann durch ein Tuch filtern. Der Wein hält sich gut gekühlt zwei bis drei Wochen.

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September anno 2015 - Mieke, die Frau des Jenaer Scharfrichters, berichtet....

Ein Rundgang durch Jenas Innenstadt hält für die Gäste immer wieder Aha-Erlebnisse bereit. Wie selbstverständlich verwenden wir seit Kindertagen Redewendungen deren Ursprung man nicht weiter hinterfragt. Meist steckt hinter ihnen tatsächlich ihre wörtliche Bedeutung. "Etwas auf die hohe Kante legen", also Geld sparen, wurde genauso gehandhabt. Adlige Burgbewohner schliefen meist im Kastenbett mit hohen Wänden und einem Dach. Vorhänge sollten verhindern, dass Ungeziefer den Weg ins Bett fanden. Auf dem Dach fand sich häufig ein schmales Brett, auf dem man das Geld "auf die hohe Kante legen" konnte.


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August anno 2015 - Der Jenaer Scharfrichter erzählt:

Berufskunde
Der Scharfrichter – in alten Quellen auch als Nachrichter bezeichnet, da er “nach dem Gerichde“ seines Amtes waltete – hatte verschiedene Aufgaben inne, die sich von Stadt zu Stadt unterscheiden konnten. Dazu gehörten die Folter handzuhaben, Galgen, Richtbühnen und Scheiterhaufen zu bauen, Abortgruben zu leeren, lebendig zu begraben, „Löcher“ (Gefängnisse) zu reinigen oder auch unerlaubte Bücher zu verbrennen. Zum weiteren Einkommen trug die Abdeckerei bei. Dies bedeutete, dass „Meister Knüpfauf“ die „totgefallenen Thierlein“ zustanden, deren Hufe, Hörner, Fleisch und Fett gewinnbringend verarbeitet wurden. Um dieses Gewerbe ausüben zu dürfen, war er verpflichtet lederne Eimer zur Stadtbrandbekämpfung zu liefern, da sie haltbarer als hölzerne Behälter waren. Und in der Nacht florierte der Zuverdienst, wenn der tagsüber gemiedene Scharfrichter als Knochenheiler oder Händler von Glücksbringern aufgesucht wurde.